Donnerstag, 4. November 2010

»Wer will schon nachts aus dem Bett gerissen werden?« - Nach Abschiebung aus Flüchtlingslager in Gerstungen



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Von: "The VOICE Refugee Forum Jena"
Datum: 4. November 2010 00:11:41 MEZ








04.11.2010 / Inland / Seite 8Inhalt

»Wer will schon nachts aus dem Bett gerissen werden?«

Nach Abschiebung eines Aktivisten haben Bewohner des Flüchtlingslagers
Gerstungen Angst. Ein Gespräch mit Mohsen Azadbakht

Interview: Gitta Düperthal
Der Iraner Mohsen Azadbakht lebt seit sechs Jahren im thüringischen
­Flüchtlingswohnheim Gerstungen
http://www.jungewelt.de/2010/11-04/040.php

In der Nacht zum 26. Oktober wurde Reza Memar Bashee aus dem Iran mit seiner
Frau und seinen zwei Kindern aus dem Asylbewerberheim im thüringischen
Gerstungen von der Polizei abgeholt und abgeschoben. Was hat sich in der
Nacht abgespielt?

Wir waren völlig überrascht und entsetzt. Ohne jede Ankündigung hat die
Polizei den 42jährigen, seine Frau und seine beiden fünfjährigen Kinder aus
dem Schlaf gerissen. Sie mußten schnell ihre Sachen zusammenpacken. Dann hat
Reza Memar Bashee an meine Tür geklopft. Er wollte sich verabschieden und
mir mitteilen, daß er abgeschoben wird.

Später bei der Abschiebung waren Mitarbeiter der Ausländerbehörde und die
Heimleitung zugegen, sowie sechs oder sieben Polizisten. Ich war auch dabei,
um zu übersetzen, weil Reza Memar Bashee erst seit Februar in Deutschland
ist und noch nicht gut Deutsch spicht. Zuerst sollte die Familie nach Köln
verfrachtet werden, dann nach Holland.

Mit welcher Begründung hat man ihn und seine Familie so plötzlich
abgeschoben?

Das verstehe ich auch nicht, und das macht uns allen Angst. Sein Anwalt war
nicht informiert, er hat keine Vorwarnung erhalten. Behördenmitarbeiter
haben offenbar ein Visum für Holland gefunden. Seine Frau hat geweint, beide
Eheleute standen unter Schock. Die Kinder haben nicht verstanden, was mit
ihnen passiert.

Reza Memar Bashee war aktiv und hat die Zustände in der
Flüchtlingsunterkunft öffentlich kritisiert. Wurde er unter Druck gesetzt,
wollte man ihn bestrafen?

Ob es einen Zusammenhang gibt, wissen wir nicht. Er ist auf einem Video im
Internet auf Youtube zu sehen. Darin weist er auf die katastrophalen
Zustände in Gerstungen hin, gegen die sich hier alle Flüchtlinge gemeinsam
gewehrt haben.

Ist es nun noch schwieriger geworden, im Lager offen zu reden?
Alle haben Angst, wer will schon nachts aus dem Bett gerissen werden. Aber
die Zustände im Lager sind nach wie vor schlimm, auch wenn jetzt renoviert
wird. Wir sind total isoliert und haben keinen Kontakt zur deutschen
Bevölkerung. Ich bin insgesamt schon acht Jahre in Deutschland und kann die
Sprache immer noch nicht gut. Wir können nicht wie Deutsche leben, nicht in
die Ferien fahren wie sie. Wir können uns noch nicht mal 30 Kilometer vom
Heim entfernen, nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen. Ohne Papiere kannst
du nicht leben wie ein normaler Mensch. Wir haben kaum Geld, müssen mit
Gutscheinen in Geschäften einkaufen. Alle schauen dich an wie einen
Außenseiter.

Was droht Reza Memar Bashee, falls man ihn von den Niederlanden aus in den
Iran abschieben sollte?

Er wurde dort als Regimekritiker verfolgt und hat mehrfach im Gefängnis
gesessen. Dort herrschen schlimme Zustände, er wurde auch geschlagen. Er ist
geflüchtet und hat sein Haus zurückgelassen und alles, was er besaß. Er ist
gefährdet, weil er vom Islam zur christlichen Religion konvertiert ist. Man
darf nicht vergessen, daß es im Iran noch die Todesstrafe gibt.

Was können Leserinnen und Leser tun, um Reza Memar Barshee und die anderen
Aktivisten, die im Flüchtlingslager um ihre Rechte kämpfen, zu unterstützen?

Wir haben noch Hoffnung. Jeder hat Angst, plötzlich nachts aus dem Schlaf
gerissen zu werden. Du schläfst und plötzlich steht die Polizei vor dir.
Sicherlich können die Leser Solidaritätsbriefe an die Flüchtlingscommunity
in Gerstungen schicken: An Nassan Hussen, C/o Refugee Community Gerstungen,
Gemeinschaftsunterkunft Gerstungen, Am Berg 1, 99834 Gerstungen. Vielleicht
hilft es auch, Protestbriefe an das Landratsamt zu schreiben: Landratsamt
Wartburgkreis, Landrat Reinhard Krebs, Erzberger Allee 14, 36433 Bad
Salzungen, Email.: ­landrat@wartburgkreis.

Abschiebung aus Gerstungen! Zum Verschwinden der Familie Memar Bashee
Reza Memar Bashee, Aktivist der Flüchtlingscommunity Gerstungen und seine
Familie, wurden von Gerstungen nach Holland abgeschoben
http://thevoiceforum.org/node/1825

ARD Video zu Gerstunger Asylbewerberheim in 2.56min
http://thevoiceforum.org/node/1827


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